Vor ein paar Wochen war ich beim Fotoshooting für die aktuellen Tapetenkollektionen dabei. Anders als bei Fotoshootings, bei denen das Model im Mittelpunkt steht, ist die Tapete hierbei nicht nur Hintergrunddeko. Als Hauptattraktion wird ihr volle Aufmerksamkeit gewidmet. Und wie sich herausstellte, kann selbst Tapete ein divenhaftes Verhalten an den Tag legen.                  

                                                                                               

Als ich den Raum betrat, in dem das Shooting stattfinden sollte, waren die Vorbereitungen bereits in vollem Gange. Handwerker und Leute vom Fach waren eifrig beschäftigt und bereiteten alles vor. Aus einer leeren Halle wurde schnell ein kleines Zimmer. Ähnlich wie bei einer Filmkulisse wurden bewegliche Wände genutzt, um einen Raum entstehen zu lassen.

Beeindruckt sah ich dem Spektakel zu und stellte aufmerksam Fragen. Das Ganze war eine Art Renovierung im Kleinformat. Hier wurde Boden verlegt, da wurden Möbel hingestellt, dazu wurde Deko platziert. Doch die Hauptperson schien auf sich warten zu lassen. Als ich neugierig nachfragte, wann denn die Tapete kommt, wurde gescherzt: „Die ziert sich heute ein bisschen.“

Als Antwort auf meine hochgezogenen Augenbrauen, schickte man mich in den Nebenraum, wo bereits tüchtig an der Inszenierung der Tapete gearbeitet wurde. Nach einem kurzen Blick sah ich jedoch sofort, dass etwas nicht stimme. Die Tapete schien nicht richtig zu halten. Im nächsten Moment wurde auch schon einer der fleißigen Handwerker von der sich ablösenden Tapete bedeckt. Fluchend versuchte er sich zu befreien und trug damit unbeabsichtigt zur Belustigung aller Umherstehenden bei. „Die hat dich ja ganz schön im Griff“, hörte ich aus einer Ecke.

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Als der Attackierte sich endlich befreien konnte, stürmte er zu einem jüngeren Kollegen und fragte ihn, welchen Kleber er benutzt hat. Ist er auch ganz sicher, dass es der Spezialkleister für Tapeten war? Verwirrt schaute sein Kollege auf den Kleber und schien die Frage nicht zu verstehen. Erst jetzt sah ich, dass er nicht nur jünger, sondern sehr viel jünger aussah. Vielleicht ein neuer Azubi, mutmaßte ich. Es kam zu einer heftigen Diskussion, in der sich herausstellte, dass er tatsächlich den falschen Kleber aus dem Auto mitgenommen hatte.

Nachdem die Verwechselung aufgelöst und das Problem klar war, wurde es schnell behoben. Mit dem richtigen Tapetenkleister ließ sich eine neue Bahn der Tapete schnell an die Wände bringen und machte dort eine sehr gute Figur. Das fand kurz darauf auch der Fotograf, als es mit dem Shooting losging. „Du machst das unglaublich toll!“, rief er mit übertriebener Stimme und einem gespielten amerikanischen Akzent. „Diese Energie! Einfach amazing! Ich werde dich ganz groß rausbringen, Baby!“ Dass die Tapete jetzt motivierter war, wagte ich zu bezweifeln. Aber die Stimmung des Teams war nach der angespannten Wartezeit wieder gelassen und alle waren mit voller Konzentration dabei. Und tatsächlich entstanden ein paar wunderschöne Fotos, die die Tapete perfekt in Szene setzten.

Als das Shooting vorbei war, verabschiedete ich mich und bedankte mich, dass ich dabei sein durfte. Beim Hinausgehen kam ich an der Tapete dabei, die den falschen Kleber abbekommen hatte. Sie lag zerknüllt in der Ecke und war bereits zu anderem Abfall gelegt worden. Im Vorbeigehen hörte ich in meinem Kopf Heidi Klums Stimme, die sagte: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“

bml

 

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